Donnerstag, 31. Oktober 2013

Offener Brief von Burkhard Meier an den Bauernverband

Der lippische Landwirt Burkhard Meier, früherer Vorsitzender des Lippischen Heimatvereins, ist im Oktober 2013 aus Protest gegen die Agrarpolitik des Deutschen Bauernverbandes aus diesem Verband ausgetreten. Anlass waren mehrere Hintergrundberichte des NDR über Aktivitäten der dortigen Landvolk-Funktionäre Werner Hilse und Franz-Josef Holzenkamp. Meier begründet seinen Schritt in einem offenen Brief an Herbert Quakernack, Geschäftsführer des Lippischen Landwirtschaftlichen Hauptvereins (LLHV).

Sehr geehrter Herr Quakernack,

am vergangenen Montag, 21. Oktober [2013], lief im NDR-Fernsehen die Dokumentation "Kleine Bauern - Große Bosse". Ich bin erschrocken über die Verflechtung von Funktionären des Deutschen Bauernverbandes (DBV) und der Agrar-Industrie. Konkret ging es um den Chef des Landesverbandes Niedersachsen, des sog. Landvolkes, Werner Hilse. Der NDR auf seiner Internetseite hierzu: "Spricht er, der Großmäster, wirklich im Interesse aller Bauern? Für wen sind Werner Hilse und sein Stellvertreter beim 'Landvolk' in Niedersachsen, Franz-Josef Holzenkamp, sonst noch aktiv? Hilse ist neben seinem Beruf als Schweinemäster noch an großen Geflügelställen beteiligt, sitzt aber auch in zahlreichen Aufsichtsräten und anderen Gremien von großen Agrarunternehmen und einer Versicherung. Hilses Stellvertreter Franz-Josef Holzenkamp ist Teilhaber verschiedener Unternehmen. Aber auch er hat Posten in etlichen Gremien, unter anderem in einer Versicherung und in einem großen Agrarkonzern."

Holzenkamp ist zudem CDU-Agrarexperte im Deutschen Bundestag. Hier hat er sich als DBV-Funktionär erfolgreich gegen Verbesserungen im novellierten Tierschutzgesetz gewandt.
All das könnte man noch als die üblen Begleiterscheinungen einer Gesellschaft bewerten, in der sich Politik und Lobbyarbeit zum Schaden des einfachen Bürgers und Konsumenten sowie der Umwelt immer mehr vermischen. Doch in der Dokumentation ging DBV-Vizepräsident Hilse noch weiter: "Nach Überzeugung des 'Landvolk'-Präsidenten liegt die Zukunft der Landwirtschaft im Wachstum und moderner Technik und großen Tierzahlen. Zu einer 'Hinterhofhaltung' zurückzukehren, funktioniere nicht, sagte Werner Hilse während einer Rede vor dem 'Landvolk'. Landwirt Hilse setzt auf Effizienz im Stall. Das verschafft ihm gegenüber kleineren Bauern, die sich das nicht leisten können, einen Vorteil. Außerdem profitiert er von der  Größe seines Landes: Für die 300 Hektar Fläche erhält Hilse zusätzlich Subventionen aus Brüssel in Höhe von 75.000 Euro im Jahr. Zum Vergleich: 90 Prozent aller deutschen Schweinebauern haben kleinere Betriebe als er" (Quelle: NDR).

Wenn Hilse in dem Film ausführte, wer sich gegen eine industrielle Landwirtschaft wende, der mache sich mitschuldig am Hunger in der Welt, ist das für mich reiner Zynismus. Gerade die Intensive Landwirtschaft mit z.B. ihrem immensen Soja-Verbrauch ist ja mitverantwortlich für die Zerstörung kleinbäuerlicher Strukturen, die Rodung des Regenwaldes, die Vernichtung der Schöpfung in der südlichen Hemisphäre. Dass auch unsere Böden, Gewässer und Luft durch die intensive Verwendung von Spritzmitteln und Kunstdünger sowie die massenhafte Entsorgung der anfallenden Gülle bereits erheblichen Schaden genommen haben, ist eine unumstößliche Tatsache. Der Einsatz von Arzneimitteln in der sog. Tierproduktion ist wesentlich mitverantwortlich für die Antibiotika-Resistenzen, die in der Zukunft für uns Menschen noch ein ungeheures Problem darstellen werden.

Im Film wurden Bauern gezeigt, die sich um den Bezug von gentechnikfreiem Soja bemühten, um damit die Natur in den Anbaugebieten zu schonen. Die Futtermittelindustrie war nicht bereit, ihnen dieses zu liefern, obwohl sie sich zu Bezugsgemeinschaften zusammengeschlossen hatten. Und wer sitzt dem Aufsichtsrat des Marktführers AGRAVIS Raiffeisen AG vor, der auch wesentlicher Miteigentümer unserer Raiffeisen Lippe-Weser in Lage ist? Hilses Stellvertreter Holzenkamp.

Ich kann einem solchen Verband nicht länger angehören, zumal wenn ich an das immense Tierleid in der Haltung und bei der Schlachtung denke. Im Film sah man den Landvolk-Präsidenten inmitten der auf engstem Raum gehaltenen Schweine. Nach meiner Erinnerung sagte er lapidar, das sei eben kein Kuschelzoo. Wen wundert es, dass Hilse auch im Aufsichtsrat des Schlacht-Gigangen "Vion Food" sitzt und vor laufender Kamera freimütig einräumte, für dieses und andere Mandate mehr Bezüge zu erhalten denn als DBV-Funktionär.

Ich kündige meine Mitgliedschaft im LLHV und DBV hiermit zum nächstmöglichen Termin - laut telefonischer Auskunft Ihres Vorzimmers ist das der 31. Dezember 2014 - und bitte um Bestätigung.
Abschließend möchte ich ausdrücklich betonen, dass ich das Team des LLHV seit Jahrzehnten kenne und persönlich schätze. Auch ist mir bewusst, dass der LLHV biologisch erzeugende Landwirte in seinen Reihen und Gremien hat. Doch die Skepsis gegenüber Funktionären und Praktiken auf Bundes- und Landesebene überwiegt und zwingt mich zu dem oben dargelegten Schritt.

Mit vielen Grüßen
Burkhard Meier

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Dazu die einschlägigen NDR-Seiten:

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